Benutze mich!

19. März 2009

Die Sprache ist eine dumme Sau. Sobald ich etwas benenne, ist es weg. Meine Identität ist mein Tod. Ich lege mich fest, ich lege mir Fesseln an. Und jeder kann sein Eigenes in mir für sich abtöten, mich als den Anderen sehen, dem man kein Mitleid zeigen muss, weil kein Mit da ist, das verbindet.

Letztens habe ich bei einem interessanten Autor etwas gelesen wie: Seine eigene Intimwahrheit suchen, wer man ist, die eigene sexuelle, soziale Identität, das eigene Geschlecht, die eigene Rolle, heißt gehorchen. Das heißt, ich stehe unter der Dusche, denke an nackte Männerkörper um meinen Körper, in meinem Körper und statt es sein zu lassen, wie es ist, mit Männern Sex zu haben, wie ich es möchte, suche ich nach einer Erklärung. Was hat dieses Bedürfnis zu bedeuten für mich? Da ich schon die Begriffe der Gesellschaft kenne, stelle ich mir die Frage: Bin ich schwul?

Und die Frage beeinflusst die Antwort natürlich. Ja, ich bin schwul. Denn Schwulsein heißt mit Männern Sex haben wollen. Das ist praktisch, weil man dem Begriff Schwulsein noch einige Zutaten beifügen kann, sogar so weit gehen, dass man von einer Gemeinde spricht. Ich habe ein Attribut gefunden, es reicht mir nicht, also suche ich nach weiteren Merkmalen, mit der ich meine Identität anreichern kann. Das Wort schwul ist so reich an Nebenbedeutungen, dass ich ausschließlich schwul sein kann.

Und das ist auch gut so. Nicht für mich, nein, meine Individualität geht in meiner Identität unter, aber für die Gesellschaft, die meine Identität ohne Widerstand in ihr Funktionieren integrieren kann. Benutze mich, denn meine sexuelle Identität zwingt mich zum Konsum.

Nun kommt die große Identitätsgefährdung. Meine Uniform wird beschmutzt, ich fürchte mich. Meine Gemeinschaft mit Schwulen ist gefährdet durch MSM, Männer, die Sex mit Männern haben. Sie sollen zu mir gehören, meinen Namen annehmen, sich mit mir vereinigen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. MSM, die den Begriff des Schwulseins ablehnen, sind der Andere, den ich nicht verstehen kann, der nichts von mir in sich hat, den ich moralisch verurteilen kann. Denn sie tun nichts für uns gute, aufrechte, ehrliche, liebende Schwule. Sie lehnen skandalöserweise sogar die Homoehe ab, weil sie damit nichts anfangen können, weil sie Sex mit Männern haben, sie nicht heiraten wollen, nicht einmal lieben. Welch eine verdorbene Identität man sich da zusammensucht. Lasst sie boykottieren (denn ohne uns Schwule können Männer, die Sex mit Männern haben, ja keinen Sex haben, oder?), auf dass sie zu ihrer uneingeschränkten Zugehörigkeit zu einer Gruppe in unserer schwarz-weiß-getünchten Welt stehen.

Dass was uns verbindet, als Aggression gewertet wird.

Ich sitze in der Bibliothek, ich lese Flaubert. Gestalten nähern sich dem Tisch. Drei Gestalten mit schwarzen Kapuzenpullovern, die mit gefalteten Händen links und rechts von mir sowie gegenüber Platz nehmen. Sie schlagen ihre Kapuzen zurück: vor mir jetzt eine junge Frau mit roter Brille.

Da sind wir wieder, sagt sie. Hast du dich entschieden?

Links von mir ein Mondgesicht mit Bartstoppeln um die Gesichtswarzen. Bist du nicht für die internationale Vereinigung aller Arbeiter?

Rechts von mir ein dicker Mann mit immer rotem Gesicht: Was heißt hier nein?

Womit bist du denn nicht einverstanden, sagt die Brille.

Und kaufst du uns wenigstens eine Zeitung ab, sagt der Mond.

Lass, dann wird es wohl ein anderes Mal, sagt der Rote und klopft sich mit der Handfläche auf den Bauch.

Sie legen die Kapuzen an, falten die Hände und gehen wieder.

Ich bin überzeugt, habe ich gesagt. Nicht in diesen Worten, aber so musste es rüberkommen und das wusste ich. Ich konnte nur nicht anders, mir fehlten die Worte, ich war auf der Schwelle zu meiner jetzt glücklichen Resignation.

Der gekalkte Konferenzraum, eine erhöhte Bühne, Pulte vor einem roten Brett mit Marx-Engels-Lenin von links nach rechts. Dazu ein Schriftzug aus dem Manifest. Der Redner ist alt, spielt mit seiner Brille, nach jedem Satz lacht er kassandrisch, in der Hoffnung, so das Gefühl von Empörung über die Blinden und Tauben in der bürgerlichen Gesellschaft zu wecken. Er ist logisch. Ein Baustein baut auf den nächsten auf. Protektionismus führt zu Krieg, die Proletarier sind in der Mehrheit und werden unterdrückt, größtenteils ohne es zu merken. Im Publikum kamen Fragen auf, die erst mit einem Augenrollen, dann mit einer harschen Antwort quittiert wurden.

Die Alternative, dass sich das System von alleine verändern kann, wurde heftig abgelehnt, eine Revolution implizit als entweder utopisch oder kriegsfördernd gewertet. Wozu das alles also.

Lukács spricht vom schlechten Bewusstsein der Bourgeoisie, sich als Vertreter des gesamten Volkes zu sehen. Daraus folgt die Dekadenz der bürgerlichen Moral. Die nehme ich an, obwohl ich aus Marx‘ Sicht anscheinend gar kein Bourgeois bin (besitze keine Produktionsmittel und mit einem geisteswissenschaftlichen Studienabschluss lande ich wahrscheinlich eh im parasitären, unproduktiven Sektor des Kulturbetriebs). Das war der Beginn einer Krise, das Ende eines Versuchs von Sinngebung.

Sénécal, der alte Redner, fragte, ob ich Kritik und Zweifel hätte. Ich kannte Flaubert noch nicht und wusste nicht, wie antworten. Ich hatte nur mein Kribbeln im Bauch und sagte, nein, ich verkaufe für euch keine Zeitungen. Versteh ich nicht, sagte Sénécal, der Theoretiker, der sich nur für die Massen interessierte und für das Individuum mitleidlos war [1]. Was mir nicht gefiel, aber nur subjektiv, und was zählt schon meine kleine Person, waren Sätze wie: Nur weil du denkst, du bist eine Frau, bist du noch längst keine, oder: Die Wahrheit ist nicht demokratisch. Wenn es eine (!) Wahrheit gibt (was ziemlich armselig wäre), kann sie es auch nicht sein. Soll ich ihm, dem großen Logiker, mit meiner mickrigen Befindlichkeit kommen? Demokratie ist schließlich kein zügelloser Individualismus [2].

Anschließend kämpfe ich ungefähr einen Monat mit dem Engel und habe mich von ihm abgesetzt.

Ein Nigerianer spricht mich auf der Straße an. Mathew mit th, erinnerst du dich? Watch out what you read, zeigt auf meinen Kopf, you are very intelligent, streicht mir über die Wange, sein Blick in meinen verhakt. Traurigkeit, how was your weekend. Ich kaufe ihm keine Taschentücher ab, Mathew wendet sich ab, kalt.

Es ist ja Frühling. Resigniert, aber sexy. Die Bibliothek alt und ungemütlich. Schräg gegenüber setzt sich jemand, der mich aus der Fassung bringt. Flaubert wird beiseite gelegt. Es ist nicht warm, obwohl die Sonne durch die Fenster scheint. Schräg gegenüber sitzt jemand, den ich flüchtig beim Warten auf die Deutschprüfung mehr gesehen als kennen gelernt habe. Er trägt ein enges T-Shirt. Mit französischem Aufdruck, glaube ich, aber seine Arme waren interessanter, wie lange schon keine solchen Arme gesehen, weiß und mit weichem Flaum.

Die Gestalten sind wie ein düsterer Traum verflogen, ein vollkommen unlogischer Auftritt, ein deus ex machina, wenn mein Leben der Phantasie eines Flaubert entsprungen wäre. (Aber das ist sie nicht, das merkt man an den vielen Wortwiederholungen in diesem Text.) Hat er mich angeguckt? Gelächelt vielleicht. Ich fühle den Pullover schwer auf meiner Haut. Mir ist heiß. Er lernt unregelmäßige Verben, ein Deutschstudent. Tandems kann man ja immer gebrauchen.

Lena sagt, dass drei Sekunden Blickkontakt bei Schwulen reichen (sie hat eine Doku gesehen), um beieinander zu landen. Hier muss noch ein Gespräch her. Wirklich, du kommst aus Deutschland? Das ist vielleicht ein Zufall! Wollen wir uns bei Facebook adden? Ich bin nicht bei Facebook, sage ich. Dann eben nicht platonisch. Die Klos in der Uni sind dreckig. Nun ja.

 

[1] Gustave Flaubert, L’Éducation sentimentale, Le livre de poche, coll. classique, Paris, 2002, S. 306-307 : « Homme de théories, il ne / considérait que les masses et se montrait impitoyable pour les individus. »

[2] Ebd., S. 307-308 : « La Démocratie n’est pas le dévergondage de l’individualisme. »

Stolz und Vorurteil

14. März 2009

Jemand steht auf und räuspert sich. Der Sessel weich und tief und schwarz. Die Bequemlichkeit gibt jemand auf und steht jetzt und hält einen kleinen Zettel vor sich mit Notizen, die kurz nach dem Aufwachen zusammengeschrieben wurden und perspektivlos aneinandergereiht. Daraus Sinn machen, sagt jemand. Mit glühendem Finger Hauptideen, Nebenideen unterstreichen, Hierarchien aufstellen, damit die Leute dich verstehen.

 

So machen es auch die anderen, die einwirken auf jemanden, der jetzt einen Namen bekommen könnte, vorerst aber Er ist. Räuspert sich noch einmal, um die letzten Lesefaulen abzuschütteln, und erinnert an die um sich greifende Verseuchung der Gehirne mit nachgeplapperten Meinungen wie: In der Szene sind die Schwulen oberflächlich und promisk. Und einmal angenommen, er hat diesen Satz von einem Schwulen selbst gehört, von einem Mitschwulen, wenn man so will, auch wenn eine Verbrüderung hier ausgeschlossen scheint, ist doch die Absage an die Szene auch in gewisser Hinsicht eine Distanzierung, in der besten Formulierung eine Befreiung, von den Gemeinsamkeiten des anderen zu ihm.

 

Nachgeplappert. Aus den blauen Seiten (dem unerschöpflichen Archiv des bedeutungslosen Satzes) o.ä. kopiert. Mit dem Wunsch verbunden, eine monogame Beziehung zu führen, die im Partnertauschspiel der Szeneveranstaltungen keinen Platz findet. Da dieses von der Gemeinde ach so enttäuschte Schäfchen, beliebt ist noch das Argument der einzigen Erfahrung und sofortigen Abscheu oder der Beziehung, die dem Konkurrenzdruck nicht standhielt, oben zitiertes Sätzchen gerne gegenüber seinen Gabis und Nancys äußert, wird unser schwarzes Schaf zum Autoritätsargument, auch der Christoph hat gesagt, dass alle mit allen poppen, und der muss es ja wissen, der kennt das ja.

 

Und das Leiden des Einzelnen unter dem Ruf der Allgemeinheit ist leider zu wenig sexy, um in den Erzählungen an Dritte und Vierte noch erwähnt zu werden. Der ohnehin schon klischeehafte Satz wird noch platter und stumpfer, wird zum reinen Vorurteil mit Tendenz zur Abschätzigkeit von Seiten unseres heterosexuellen Publikums der gesellschaftlichen Richtigkeit und Notwendigkeit.

 

Abgesehen von diesem Detail. Befreit von der Junta des unvernünftigen Geschlechtsverkehrs (ohne Sinn, ohne Zeugung, ohne Erzeugung von emotionaler Partnerschaft), ist nun der Weg frei zur konventionellen Partnerschaft, zur Paarbildung. Was wäre gewonnen? Austausch eines vermeintlichen Modells durch ein anderes. Wer sein Leben nicht selbst gestaltet, kann sich von Vorgefertigtem nicht lösen. Jemand, also er, also ich – Michael Rotz, guten Tag – fühle mich schnell überall fremd. Ich fremde mich in jede Umgebung mit Leichtigkeit ein. Eine ursprüngliche Einsamkeit, damals im Uterus. Vielleicht keine ausreichende Erklärung, sich in Gesellschaft mit Menschen unwohl zu fühlen, aber der Versuch eines anderen Weges. Alles verneinen, um alles zu bejahen. Ich fühle mich in der Szene unwohl und in der zweisamen Partnerschaft beengt.

 

In der Steppe streunen ist eine Variante, die einfache, die andere ist eine neue Gemeinschaft, in der der Fremde gar nicht die Gelegenheit hat fremd zu sein, die utopische.

 

In meinem letzten Urlaub in Berlin, war ich am 4. März auf der Trashparty im Schwuz. Wie die englischen Touristenmädchen fühlte ich mich als ein Ausländer auf einer dieser verrückten deutschen Schwulenpartys, für die Berlin so berühmt und beliebt ist, geradezu zum Prototypen europäischer Laszivität erhoben wird, neben Amsterdam, so sagt man mir in Italien. Und das Weltfremde, Abgehobene, Unmodische schafft einen so vollkommenen Eindruck von Freiheit, dass ich mit einer kleinen, korpulenten Frau tanze, die mir einen bunten Hut aufsetzt. Körper sind ehrlicher als Worte. Sie sagt mir, Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das Sprichwort ist der Inhalt unserer gesamten Konversation und zeigt, um den Kreis zu schließen, dass ein freigestellter Satz keine Hintergründe preisgibt, alles andere als eine Meinungsbekundung ist und bei Christoph so, bei Gabi und Nancy anders und bei deren Freunden wieder anders verstanden wird.