Unser ernstes Laster

23. März 2009

Meine Kruste ist aufgebrochen. Die Blase ist geplatzt. Und plötzlich der Gedanke einer Geburt.

Neben mir der mit schwarzen Haaren, Siebentagebart. Mit Augenringen. Wie liebe ich Augenringe! Und müde sieht er auf, sein Blick in meinem Rücken, als ich über Sodomie doziere. Gegenüber das rote Gesicht des Profs. Mit dem ernsten Laster, nicht mehr dazu zu gehören. Nie mehr jetzt. Ab jetzt. Und lieber die anderen von hinten.

Der Drang, das schnell in das Handy zu schreiben, zu speichern, an der Bushaltestelle, im Bus sogar, ich schreibe Deutsch, so immerhin kann mir keiner in die Lieder schauen, so kann mir keiner meine Komposition nehmen. Gelesen werden heißt sterben, wenn Schreiben schon Zerstören ist. Ich übergebe mich an die Welt. Ich beschmutze die Welt mit noch einem Gedichtband, der aktiviert werden muss, die Welt braucht doch nichts mehr als Bücher und gefestigte Ideen, um sich die Gegenwart zu erklären. Um überhaupt Sinn zu sehen. Sehend zu sein. Mein Intertext dürft wohl klar sein. Ich lese zu viel und denke zu wenig. Wenn ich wenigstens ein paar kleine Hinweise streuen könnte, um besser verständlich zu machen, was abgeht.

Tagelang in Klausur, eingesperrt im Fisch, aufgefressen und lebendig. Bis ich unverdaut wieder hinauskomme, oder verdaut, wer weiß das schon. Vielleicht sind meine Knochen geknackt worden, das Fleisch vom Blut getrennt. Und die Proteine und das Fett, die mich ausgemacht haben, erhalten für ein paar Minuten das große Tier am Leben.

Wieder  zurück an der Oberfläche, auf der Bühne, erst einmal rasiert, neben den Unrasierten gesetzt, mit Schuhen und Lederjacke nach der gängigen Mode gekleidet, die ich nicht umhin kann, anziehend zu finden. Ich stehe nicht auf Nacktheit, ich sollte meine fetischisierte Sexualität in Bezug setzen zu meiner ursprünglichen, mich in einer Riesenschnecke walken lassen und sehen, ob ich noch etwas empfinde oder mich als entfremdet empfinden kann. Aber ich hab ja den Mutterleib schon verlassen. Und mein Lederfetisch beschränkt sich auf konventionelle Motorradkleidung. Müde im Straßenverkehr. Gegen die Ideologie des Lebens gegen das Nichtsein.

Er kann mir nicht sagen, dass das Leben doch so schön ist und jeder Mensch besonders, weil ich nicht mit ihm rede, weil ich kein Gespräch will, weil ich nicht will, dass mein Bild von ihm, wie ich es mir mache, von seinen Worten verdreckt wird. Lass ihn eine kreischende Stimme haben oder eine Vorliebe für Schokoladeneis. Ich könnte ihn nicht mehr ernst nehmen. Meine Liebe ist eine Liebe auf Distanz, sie entsteht mit der Abwesenheit. Und verschwindet mit jedem Moment.

 

Vor drei Jahren saß ich an einem See in Mecklenburg, auf einer Bank, hatte meinen Pullover richtig herum an. Neben mir ein junger Mann, der ein Halstuch trug, weil er sich nicht erkälten wollte.

Wie siehst du deine Vergangenheit, sagt er. Ich nehme seine Hand und sehe ihm so tief in die Augen wie die Sonne in den See.

Meine ganze Vergangenheit ist gut gewesen, denn sie hat mich zu dem geführt, was jetzt ist, und jetzt bin ich glücklich.

Im Haus merkte ich, dass mein Pullover linksrum war. Ein paar Wochen später hatte er eine Krise, konnte nicht singen, glaubte an nichts mehr und was soll das alles. Ich tröstete ihn, sagte ihm, das gehört dazu, mach weiter und die Krise wird eine Chance.

Noch später macht er weiter und nutzt die nächste Chance mit einem Gesangslehrer. Was erzählst du von Sonne, See und Augen, sagt er.

Ich habe ihn nie wieder gesehen. Vielleicht war meine ganze Vergangenheit schlecht, weil ich mich schlecht fühlte. Nein, nein, sagt er immer wieder in meinem Kopf und ich glaube inzwischen schon, dass er es wirklich sagt, dieser Moment war einzigartig, du darfst ihn nicht verdammen, nicht mir die Schuld geben daran, nicht deinen Gefühlen von damals und nicht meinem Nichtfühlen, denn das ist falsch. Und dass es nicht gepasst hat, das hat nichts mit Vorherbestimmung zu tun, die Zeit ist nicht logisch, nein, ich habe dir nur zugestimmt, weil du glücklich aussahst und für einen Moment glauben wolltest, dass deine Vergangenheit sinnvoll war. War sie nicht, und deshalb waren wir wirklich.

Ich lese Rimbaud das erste Mal, ohne etwas zu verstehen. Jetzt bin ich nicht glücklicher, nicht weiser, nur älter.