Aus

29. März 2009

Ich gehe nicht oft aus. Ich hasse Musik, die zur Bewegung geschaffen wurde. Zu der man sich aus Konvention bewegt. Ich verabscheue sie. Manchmal mag ich nur eine Musik, und das aus Distanz. Nicht zu beschreiben, weil ich mich nicht auskenne damit, ich bin ein musikalischer Analphabet.

Wozu also ausgehen. Leute kennen lernen. Menschenkontakt. Kontakt zu Mitmenschen aufbauen, halten, ausbauen, andere Körper beschauen, Charakterstudien durchführen, andere Körper ausnutzen für die Freuden des eigenen. Diese Modelle sind durchprobiert, sie taugen nichts. Sie taugen zum Teil, aber sie erfüllen nicht. Ich denke zu viel, ach.

Da mir aber nichts fremder ist als ein anderer Mensch, ist mir auch die Tanz- und Lachgesellschaft, der Krampfspaß, die Freude aus den Bedingungen alles andere als vertraut. Die vorzügliche Musik erzeugt Lustempfinden. Äußert sich bei ihren Anhängern in steifem Kinn und Kopfschütteln. Ein Mädchen in rotem T-Shirt, mit Hornbrille und Pferdeschwanz, außerdem mit einer Haarspange, die ein Kahlstellenaussehen verleiht. Stundenlang mit dem Fotoapparat in der Hand. Jede Ecke wird erst systematisch, dann die Mitgläubigen mehrfach in verschiedensten Denker- und Lachposen aufgenommen. Dazu gehört die Kurzhaarige mit bunten Haarspangen, löchriger Dreivierteljeans, Metallschmuck an den Armen, dreifacher Kette um den Hals, dazu ein Tibetschal. Arme in die Luft, Kopf geschüttelt, Unterkörper in Kackposition.

Die männliche Gefolgschaft in The-Who-Retroshirts und hellblauem Polohemd um den Hals oder mit Krawatte. Auf glücklich gestylt. Alle.

Kurz, eine Übung im Sichfremdfühlen, wie üblich mit Erfolg gemeistert.

Nur ein Stocken im Atem. Schwarzgeränderte Augen mit Unlust am Geländer. Nicht allein, gezwungen, mehr oder weniger. Komm drüber hinweg, amüsier dich, verdräng deine Trauer mit Einheitsspaß aus der Dose. Kannst dich doch nicht für immer aus dem Leben zurückziehen. Sagt ihm wahrscheinlich sein Freund, der den obersten Hemdsknopf öffnet und die Schultern im Rhythmus kreist.

Mein Lieblingsobjekt. Bemerkt mich auch irgendwann, denk ich. Sieht aber über mich hinweg, was mich nicht wundert, ich bin nur ungeschickter, nicht auffälliger. Er ist mein Magnet. Für etwas Zeit. Mein Glückskiller.

Das Tibetschalmädchen redet von den Jungs. Dass sie ihnen zu reif ist. Dass sie deshalb Angst vor ihr haben. Wie viele Menschen muss man platt treten, um zur ehrlichen Depression zu gelangen, frag ich mich.

Das müssen wir öfter machen, sagt Lena, wir sind schon nicht mehr daran gewöhnt. Der Nachtbus bringt mich, nüchtern, nach Hause.

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