Small Talk

15. März 2009

Lena ist kalt. Sie hat sich in zwei Decken gehüllt und schmiegt sich an mich auf dem geräumigen und weichen Bett. Wir sehen Total Eclipse.

In dem Moment wäre ich gegangen, sagt Lena, als Verlaine seine schwangere Frau schlägt. Dass der Rimbaud so ungezogen war, das wusste ich gar nicht, und ein bisschen brutal waren die beiden ja auch. Lena muss immer an diesen Film denken, von nun an, wenn sie Rimbaud liest.

Aber das wird aufhören. Und Lena bleibt, wie sie ist. Der zehnjährige Neffe wird gefragt, ob er schon eine Freundin hat. Kopfschüttelnd ist es wohl grad eine Mode, dass man lesbisch wird, weil ein Gerücht über Bekannte kursiert. Lena will Mutter sein und Ehefrau, wünscht sich in eine fiktive Zeit zurück, in der die Frauen nichts tun mussten als Tee servieren, und ihre Hochzeit soll prächtig sein.

Natürlich weiß Lena, dass die Welt nicht so ist, wie sie es sich erträumt. Aber was alle glauben, ist richtig, denn es war ja schon immer so und ist wissenschaftlich gesehen das einzig Sinnvolle. Mein Biologielehrer sagte, der Sinn des Lebens sei die Reproduktion.

Ohne Sinn und Verstand. In Verlaine brodelt Lava (das Bild ist von Quignard) und durch seinen Kamin ziehen Vögel (dieses von Hitchcock). Die Oberfläche wird von oben und unten angegriffen, die logischen Knochen und die rationale Haut brechen auseinander. Und Verlaine schlägt die Frau, schleudert das Kinderbett und schießt in Rimbauds Hand. Kurz: der Böse.

Wieso war er nicht ruhig und ehrlich? Wir sind doch vernünftige Menschen. Lass uns drüber reden, dann werden alle Probleme gelöst. Wenn du beichtest, geht es dir besser. Wenn du deine Träume erzählst, wird alles wieder gut, kein Problem, kann ja mal passieren.

Reden. Ein Abend mit alten Bekannten, weniger bekannt und auch nicht sonderlich alt, aber immerhin hat man sich eine Zeitlang nicht gesehen. Sag mal, Rotzi (es gibt schlimmere Spitznamen, und auf Italienisch klingt es sogar fast würdevoll), du kommst doch aus Berlin. Als Berliner, also, was kannst du denn empfehlen, was muss man sehen in dieser Stadt? Ein interessantes Gespräch bahnt sich an. Herkunft, Studium, Wetter, Kulturen und Bräuche werden abgearbeitet. Dann ist das weiße Plastikglas leer und man kann wieder in die Küche, um Wein einzufüllen, bei der Rückkehr ein neuer Gesprächspartner.

Eine Hitze ist das hier, eine stickige Luft. Das Fenster wird aufgemacht. Es zieht aber ganz schön.

Warum nicht eine Konversation über wichtige Dinge führen? Lena nickt, denn sich über die banalen Gesprächsthemen zu beschweren, gehört zum gewöhnlichen Gesprächsinhalt. Zum Beispiel über den Tod? Stell dir vor, wir begegnen einer Person zum ersten Mal und sagen ihr, dass unser Arzt eine unsichere Diagnose gestellt hat. Unser Tumor in Hals und Lunge könnte in jedem Augenblick zum sofortigen Tod führen.

Wirklich, antwortete dann wohl die Person, bei mir ist das Immunsystem ein wenig defekt. Aber ein paar Tage leb ich bestimmt noch.

Aber Rotzi, sagt Lena und lacht, du hast vielleicht eine schräge Phantasie. Und worüber sollten sie dann überhaupt noch reden? Lena hat Recht.

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