Sattes Leben

25. März 2009

In der Trattoria mit zwei englischen Mädchen, die Erasmus in Deutschland machen, jetzt eine Reise durch Italien, bei Lena übernachten für eine Zeit, dann geht es weiter. Was macht dein Leben satt, sagt eine. Wir lachen, aber sind uns einig, dass der Ausdruck schön ist, sehr schön, wir lieben diesen Satz und übernehmen ihn in den Sprachgebrauch.

Aber was ist es denn nun, das unser Leben satt macht? Liebe, Freundschaft, Kinder. Kleine Vorschläge, worauf könnten wir am wenigsten verzichten. Die eine Engländerin sagt, Kinder, auf Kinder kann ich nicht verzichten. Einen Vater brauche ich nicht dafür, Kinder sind das Wichtigste. Lena und die zweite Engländerin plädieren für Liebe, das wichtigste. Wobei Lena sich dann auch mir und der Freundschaft anschließt. Wo ist der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft? Exklusivität, Sex, Dauer, Intensität? Stichworte, die mich an einen interessanten Dialog erinnern, den ich mit einer französischen Romeobekanntschaft führe, die mich mit tiefen Gedanken und abenteuerlicher Rechtschreibung überrascht.

Ich lasse mein für den Moment in meinem Kopf in Mode gekommenes „Ich bin der Geist, der stets verneint“ heraus, in Kombination mit dem immer wieder guten „Ich kann das Wort so hoch nicht schätzen, Ich muss es anders übersetzen“. Also Begriffsbildung und Lebensbejahung als die größten Feinde chaotischer Freiheit. Feinde, die mich davon abhalten, in einen Zug zu steigen, nach Rom zu fahren, Leuten auf dem Platz meine Gedichte zu verkaufen, Straßenschreibergruppen zu finden, die von der Hand in den Mund leben und das neue Schreiben der nie gelesenen Außenseiter leben. Also die übliche Abneigung gegen Gesellschaft und ihre Konventionen.

Herausreißen aus den Konventionen, Dem Marionettenverhalten der Zeit. Diese pubertären Freiheitsgedanken habe ich immer noch in mir aufbewahrt, und wären sie nicht so banal, würden sie mir nicht so öde vorkommen, während ich sie aufschreibe, wäre es überhaupt kein Problem, aber sie werden so oft in mir so stark aktualisiert, dass ich sie aus jedem Kontext reißen muss, auf eine neue Wand kleben, bevor die Zeit sie wieder einreißt. Wer viel liest, kennt diese Themen intellektuell. Ich kenne den Hang, den Ausbruch einer Krise mit dem Lesen eines Buches zu unterdrücken, den Anfall intellektuell zu verarbeiten, statt sich ihm vollkommen auszuliefern.

Mein Franzose schreibt mir nun, wie wichtig es ist, aus dem Moment das Beste zu machen. Der anklagende Unterton ist nicht zu überhören. Ich schrieb von meiner Beziehung, von meiner Vorstellung einer Liebesbeziehung, von meinem gelebten Modell der Fernbeziehung, wenn man dafür einen Begriff braucht, der den Gegenstand ins Lächerliche zieht und abwertet. Ich schrieb auch von meinen Gefühlen, wenn ich ihm gegenüberstehe, dem einen Mann, der 1000 Kilometer entfernt lebt. Und der Franzose lehnt es ab. Er lehnt eine so falsche, vorgetäuschte, nur im Kopf bestehende Beziehung ab. Das kann keine Liebe sein, die so selten zum Vorschein kommt. Er sagt, ich leide lieber als zu genießen. Dass ich im Süden mein Nordlicht stärker glühen lasse als zu Hause!

Aber ich kann nicht anders. Es ist eine Sucht.

Gespräch mit Lena über Buddhismus. Wäre es möglich, das alles zu verneinen und sich abzuwenden von allen. Ja, später vielleicht, wenn ich alt und weise bin, sagt Lena. Und ich gebe ihr Recht, weil ich selbst noch in mir eine Bejahung spüre, vielleicht durch die oft empfundene Verneinung erst. Jetzt schon aus dem Leben fliehen? Lieber dem Ganzen noch eine Chance geben. Lieber noch ein bisschen integrieren. Lieber hier noch einen Kompromiss eingehen. Und in drei Jahren bin ich Beamter.

Und was wäre so schlimm daran? Hauptsache glücklich. Selbstexperimenten zufolge ist Glücklichkeit indirekt proportional zum Denken. Immer wenn ich nicht denke, wenn ich mich berausche und tanze, tanze, bin ich glücklich. Aber sonst denke ich und der Abgrund ist unaufhaltsam, das Nichts ist nah. Ich halte es auf Distanz, solange es geht, denke nicht mehr das Ich, den Schwindel auf der Treppe in Sonnenflut. Ich erzeuge meine Traurigkeit selbst und es wird immer schwerer ihr zu entkommen. Schreiben ist schlecht.

Schreiben ist gut. Solange ich schreibe, mache ich nichts Produktives, lerne nicht ordentlich für die Uni und gehe in einen Schatten, der mich unsichtbar macht.

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