Am Telefon
10. April 2009
Bist du immer noch in deiner Phase? Was machst du den ganzen Tag lang? Wenn du Ostern lieber alleine verbringen möchtest…
(Schreibstimme unerträglich. In den Hörer schweigen.)
Haben, machen, ergeben
6. April 2009
Was sich gerade aufstaut in mir. Tagelanges Nichtschreiben, Nichtzumschreibenkommen. Verdrängen und weiter im Text. Bleibe verletzt zurück nach zu schneller Lektüre eines Buches von Kundera, verarbeite gar nichts. Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht morgens um sechs aufwache, unfähig, mich zu bewegen, mit Bildern im Kopf und Gedanken, die sich festhaken und mich in einen Abgrund ziehen mit ihren nassen Tauen. Wie porös diese Illusion von reinem Gewissen ist.
Aber ich muss drüber schlafen, bevor das Buch wieder greifen kann. Eine andere in Abrissen in meinem Kopf irrende Idee drängt sich dank einer Twitterzusammenstellung auf. Eine, sagen wir, bewusstseinserweiternde Erfahrung: Wenn ich seither die Phrase „Sinn machen“ für einen ohrenschmerzverursachenden Anglizismus hielt, der unser schönes deutsches „Sinn haben“ bzw. französisches „avoir sens“ mit der wörtlichen Übersetzung von „to make sense“ verdreckt, ist dieses feste Weltbild nun ins Wanken geraten. Nur das Italienische behauptete sich bislang tapfer, indem es „fare senso“ mit einer negativen Bedeutung besetzte und somit immun gegen eine feindliche Übernahme aus dem englischsprachigen Raum machte. Doch halt, wozu dieser übereilte Konservatismus! Überdenke deine natürliche romanistische Abneigung gegen alles Englische! Was beschreibt denn die Welt besser? Hat etwas Sinn, also besitzt ein Ding oder eine Reihe von Dingen an sich einen Sinn oder wird dieser immer wieder hineingelesen, gedeutet, verschiedenartig interpretiert und also gemacht?
Ein Beispiel: sexuelle Vielfalt als kulturelles Phänomen einer dem Untergang geweihten Gesellschaftsform (via gaywest). Nichts hat hier Sinn. Weder die Annahme, nichtheterosexuelle Sexualpraktiken seien eine lokale Erscheinung, noch die Behauptung, sie seien erst seit der Dekadenz (und seit wann haben wir die, 1848, 1789?) vorhanden, treffen zwangsläufig zu. Es ist eine Frage der Auswahl von Fakten, eine Frage der Perspektive, eine Frage der Geschichtsschreibung. Und Geschichtsschreibung ist Sinngebung, das muss niemandem erklärt werden. Zumindest wenn sie die Gegenwart erklären will, l’art pour l’art hat sich in der Geschichtswissenschaft leider nicht durchgesetzt. Wir brauchen also eine narrative Verarbeitung historischer Fakten, um mit der heutigen Welt klarzukommen. Das heißt, die hier propagierte zeitliche (jetzt) und örtliche (hier) Eingrenzung von sexuellen Erscheinungsformen macht Sinn, weil sie dem seiner Normalität beraubten Heterosexuellen die Hoffnung gibt, in Zukunft werde die ohnehin als Grundlage der Gesellschaft angesehene Norm wiederkehren, so wie sie es ja in anderen Teilen der Erde noch immer unbestritten ist.
Doch hier war von Sinngebung die Rede. Und wenn ich mich richtig erinnere, wurde im oben verlinkten Twitterhaufen eine Gegenüberstellung des „gestelzten“ „Sinn ergeben“ mit dem luftig-lockeren „Sinn machen“ vorgenommen. Abgesehen von der ästhetischen Komponente, die vielleicht subjektiv ist, denn mir gefallen beide nicht und ich würde das wenig sinnvolle „Sinn haben“ vorziehen und damit die traditionell synonyme Bedeutung zum „Sinn machen“ mit der, dank Anglizismus, neuen Idee des Innewohnens von Sinn in einem Ding verknoten. Doch ergibt etwas Sinn? Wenn etwas Sinn macht, steckt dahinter ein Produktionsvorgang, also ein Geben von Sinn an zufällig angeordnete Dinge. Ein Ergeben des Sinns von selbst, womöglich mit erhobenen Händen und weißer Fahne, ist mir suspekt und verschleiert die subjektive Aktivität, um einen unhaltbaren Anspruch von Objektivität zu erwecken.
Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob das neu angepasste „Sinn machen“ wirklich ein besseres Bild von der Realität abgibt als die alten Formen des Ergebens und Habens. Denn wenn man erkennt, dass etwas zwar Sinn macht, aber längst nicht die einzige Möglichkeit ist, aus der Vielfalt der Gegebenheiten Sinn zu machen, wäre es dann nicht übertrieben, überhaupt von Sinn zu sprechen? Zumindest nicht im Sinne der Klage: Hat das Leben noch einen Sinn! Das Verb haben zeigt einen Besitz an, wenn es mehrere Varianten von Sinn gibt, hat das Leben freilich nicht einen Sinn, sondern jederzeit mal wieder einen neuen. Nur, das Leben macht diesen Sinn nicht, sondern ich selbst, wenn ich über mein Leben nachdenke.
Um wieder auf die „Neosexualität“ (s.o. Link) zurückzukommen: Namen spielen beim Sinnschaffen eine große Rolle. Es macht viel mehr Sinn, die gute alte Heterosexualität (die früher ohne Namen auskam, nicht weil es nichts anderes gab, sondern weil es sie selbst eigentlich auch nicht gab, weil Sexualität in anderen Begrifflichkeiten thematisiert wurde als heute) der Neosexualität (Euphemismus für Perversion) gegenüberzustellen, als all unser heutiges mit Begriffen überfülltes Sexualverhalten als eine einheitliche Tendenz zu sehen zu mehr Individualität und Freiheit. Da zu viel Freiheit auch gerade Sinnlosigkeit schafft, nichts mehr Sinn hat und auch nicht mehr so ohne weiteres ergibt, muss man entweder diese Freiheit einschränken, indem man bauchtätschelnde Erklärungen für das Hier und Jetzt sucht, oder akzeptieren, dass es mehr auf der Welt gibt als Selbstrechtfertigung gegenüber dem vermeintlich Anderen.
Aus
29. März 2009
Ich gehe nicht oft aus. Ich hasse Musik, die zur Bewegung geschaffen wurde. Zu der man sich aus Konvention bewegt. Ich verabscheue sie. Manchmal mag ich nur eine Musik, und das aus Distanz. Nicht zu beschreiben, weil ich mich nicht auskenne damit, ich bin ein musikalischer Analphabet.
Wozu also ausgehen. Leute kennen lernen. Menschenkontakt. Kontakt zu Mitmenschen aufbauen, halten, ausbauen, andere Körper beschauen, Charakterstudien durchführen, andere Körper ausnutzen für die Freuden des eigenen. Diese Modelle sind durchprobiert, sie taugen nichts. Sie taugen zum Teil, aber sie erfüllen nicht. Ich denke zu viel, ach.
Da mir aber nichts fremder ist als ein anderer Mensch, ist mir auch die Tanz- und Lachgesellschaft, der Krampfspaß, die Freude aus den Bedingungen alles andere als vertraut. Die vorzügliche Musik erzeugt Lustempfinden. Äußert sich bei ihren Anhängern in steifem Kinn und Kopfschütteln. Ein Mädchen in rotem T-Shirt, mit Hornbrille und Pferdeschwanz, außerdem mit einer Haarspange, die ein Kahlstellenaussehen verleiht. Stundenlang mit dem Fotoapparat in der Hand. Jede Ecke wird erst systematisch, dann die Mitgläubigen mehrfach in verschiedensten Denker- und Lachposen aufgenommen. Dazu gehört die Kurzhaarige mit bunten Haarspangen, löchriger Dreivierteljeans, Metallschmuck an den Armen, dreifacher Kette um den Hals, dazu ein Tibetschal. Arme in die Luft, Kopf geschüttelt, Unterkörper in Kackposition.
Die männliche Gefolgschaft in The-Who-Retroshirts und hellblauem Polohemd um den Hals oder mit Krawatte. Auf glücklich gestylt. Alle.
Kurz, eine Übung im Sichfremdfühlen, wie üblich mit Erfolg gemeistert.
Nur ein Stocken im Atem. Schwarzgeränderte Augen mit Unlust am Geländer. Nicht allein, gezwungen, mehr oder weniger. Komm drüber hinweg, amüsier dich, verdräng deine Trauer mit Einheitsspaß aus der Dose. Kannst dich doch nicht für immer aus dem Leben zurückziehen. Sagt ihm wahrscheinlich sein Freund, der den obersten Hemdsknopf öffnet und die Schultern im Rhythmus kreist.
Mein Lieblingsobjekt. Bemerkt mich auch irgendwann, denk ich. Sieht aber über mich hinweg, was mich nicht wundert, ich bin nur ungeschickter, nicht auffälliger. Er ist mein Magnet. Für etwas Zeit. Mein Glückskiller.
Das Tibetschalmädchen redet von den Jungs. Dass sie ihnen zu reif ist. Dass sie deshalb Angst vor ihr haben. Wie viele Menschen muss man platt treten, um zur ehrlichen Depression zu gelangen, frag ich mich.
Das müssen wir öfter machen, sagt Lena, wir sind schon nicht mehr daran gewöhnt. Der Nachtbus bringt mich, nüchtern, nach Hause.
Sattes Leben
25. März 2009
In der Trattoria mit zwei englischen Mädchen, die Erasmus in Deutschland machen, jetzt eine Reise durch Italien, bei Lena übernachten für eine Zeit, dann geht es weiter. Was macht dein Leben satt, sagt eine. Wir lachen, aber sind uns einig, dass der Ausdruck schön ist, sehr schön, wir lieben diesen Satz und übernehmen ihn in den Sprachgebrauch.
Aber was ist es denn nun, das unser Leben satt macht? Liebe, Freundschaft, Kinder. Kleine Vorschläge, worauf könnten wir am wenigsten verzichten. Die eine Engländerin sagt, Kinder, auf Kinder kann ich nicht verzichten. Einen Vater brauche ich nicht dafür, Kinder sind das Wichtigste. Lena und die zweite Engländerin plädieren für Liebe, das wichtigste. Wobei Lena sich dann auch mir und der Freundschaft anschließt. Wo ist der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft? Exklusivität, Sex, Dauer, Intensität? Stichworte, die mich an einen interessanten Dialog erinnern, den ich mit einer französischen Romeobekanntschaft führe, die mich mit tiefen Gedanken und abenteuerlicher Rechtschreibung überrascht.
Ich lasse mein für den Moment in meinem Kopf in Mode gekommenes „Ich bin der Geist, der stets verneint“ heraus, in Kombination mit dem immer wieder guten „Ich kann das Wort so hoch nicht schätzen, Ich muss es anders übersetzen“. Also Begriffsbildung und Lebensbejahung als die größten Feinde chaotischer Freiheit. Feinde, die mich davon abhalten, in einen Zug zu steigen, nach Rom zu fahren, Leuten auf dem Platz meine Gedichte zu verkaufen, Straßenschreibergruppen zu finden, die von der Hand in den Mund leben und das neue Schreiben der nie gelesenen Außenseiter leben. Also die übliche Abneigung gegen Gesellschaft und ihre Konventionen.
Herausreißen aus den Konventionen, Dem Marionettenverhalten der Zeit. Diese pubertären Freiheitsgedanken habe ich immer noch in mir aufbewahrt, und wären sie nicht so banal, würden sie mir nicht so öde vorkommen, während ich sie aufschreibe, wäre es überhaupt kein Problem, aber sie werden so oft in mir so stark aktualisiert, dass ich sie aus jedem Kontext reißen muss, auf eine neue Wand kleben, bevor die Zeit sie wieder einreißt. Wer viel liest, kennt diese Themen intellektuell. Ich kenne den Hang, den Ausbruch einer Krise mit dem Lesen eines Buches zu unterdrücken, den Anfall intellektuell zu verarbeiten, statt sich ihm vollkommen auszuliefern.
Mein Franzose schreibt mir nun, wie wichtig es ist, aus dem Moment das Beste zu machen. Der anklagende Unterton ist nicht zu überhören. Ich schrieb von meiner Beziehung, von meiner Vorstellung einer Liebesbeziehung, von meinem gelebten Modell der Fernbeziehung, wenn man dafür einen Begriff braucht, der den Gegenstand ins Lächerliche zieht und abwertet. Ich schrieb auch von meinen Gefühlen, wenn ich ihm gegenüberstehe, dem einen Mann, der 1000 Kilometer entfernt lebt. Und der Franzose lehnt es ab. Er lehnt eine so falsche, vorgetäuschte, nur im Kopf bestehende Beziehung ab. Das kann keine Liebe sein, die so selten zum Vorschein kommt. Er sagt, ich leide lieber als zu genießen. Dass ich im Süden mein Nordlicht stärker glühen lasse als zu Hause!
Aber ich kann nicht anders. Es ist eine Sucht.
Gespräch mit Lena über Buddhismus. Wäre es möglich, das alles zu verneinen und sich abzuwenden von allen. Ja, später vielleicht, wenn ich alt und weise bin, sagt Lena. Und ich gebe ihr Recht, weil ich selbst noch in mir eine Bejahung spüre, vielleicht durch die oft empfundene Verneinung erst. Jetzt schon aus dem Leben fliehen? Lieber dem Ganzen noch eine Chance geben. Lieber noch ein bisschen integrieren. Lieber hier noch einen Kompromiss eingehen. Und in drei Jahren bin ich Beamter.
Und was wäre so schlimm daran? Hauptsache glücklich. Selbstexperimenten zufolge ist Glücklichkeit indirekt proportional zum Denken. Immer wenn ich nicht denke, wenn ich mich berausche und tanze, tanze, bin ich glücklich. Aber sonst denke ich und der Abgrund ist unaufhaltsam, das Nichts ist nah. Ich halte es auf Distanz, solange es geht, denke nicht mehr das Ich, den Schwindel auf der Treppe in Sonnenflut. Ich erzeuge meine Traurigkeit selbst und es wird immer schwerer ihr zu entkommen. Schreiben ist schlecht.
Schreiben ist gut. Solange ich schreibe, mache ich nichts Produktives, lerne nicht ordentlich für die Uni und gehe in einen Schatten, der mich unsichtbar macht.
Unser ernstes Laster
23. März 2009
Meine Kruste ist aufgebrochen. Die Blase ist geplatzt. Und plötzlich der Gedanke einer Geburt.
Neben mir der mit schwarzen Haaren, Siebentagebart. Mit Augenringen. Wie liebe ich Augenringe! Und müde sieht er auf, sein Blick in meinem Rücken, als ich über Sodomie doziere. Gegenüber das rote Gesicht des Profs. Mit dem ernsten Laster, nicht mehr dazu zu gehören. Nie mehr jetzt. Ab jetzt. Und lieber die anderen von hinten.
Der Drang, das schnell in das Handy zu schreiben, zu speichern, an der Bushaltestelle, im Bus sogar, ich schreibe Deutsch, so immerhin kann mir keiner in die Lieder schauen, so kann mir keiner meine Komposition nehmen. Gelesen werden heißt sterben, wenn Schreiben schon Zerstören ist. Ich übergebe mich an die Welt. Ich beschmutze die Welt mit noch einem Gedichtband, der aktiviert werden muss, die Welt braucht doch nichts mehr als Bücher und gefestigte Ideen, um sich die Gegenwart zu erklären. Um überhaupt Sinn zu sehen. Sehend zu sein. Mein Intertext dürft wohl klar sein. Ich lese zu viel und denke zu wenig. Wenn ich wenigstens ein paar kleine Hinweise streuen könnte, um besser verständlich zu machen, was abgeht.
Tagelang in Klausur, eingesperrt im Fisch, aufgefressen und lebendig. Bis ich unverdaut wieder hinauskomme, oder verdaut, wer weiß das schon. Vielleicht sind meine Knochen geknackt worden, das Fleisch vom Blut getrennt. Und die Proteine und das Fett, die mich ausgemacht haben, erhalten für ein paar Minuten das große Tier am Leben.
Wieder zurück an der Oberfläche, auf der Bühne, erst einmal rasiert, neben den Unrasierten gesetzt, mit Schuhen und Lederjacke nach der gängigen Mode gekleidet, die ich nicht umhin kann, anziehend zu finden. Ich stehe nicht auf Nacktheit, ich sollte meine fetischisierte Sexualität in Bezug setzen zu meiner ursprünglichen, mich in einer Riesenschnecke walken lassen und sehen, ob ich noch etwas empfinde oder mich als entfremdet empfinden kann. Aber ich hab ja den Mutterleib schon verlassen. Und mein Lederfetisch beschränkt sich auf konventionelle Motorradkleidung. Müde im Straßenverkehr. Gegen die Ideologie des Lebens gegen das Nichtsein.
Er kann mir nicht sagen, dass das Leben doch so schön ist und jeder Mensch besonders, weil ich nicht mit ihm rede, weil ich kein Gespräch will, weil ich nicht will, dass mein Bild von ihm, wie ich es mir mache, von seinen Worten verdreckt wird. Lass ihn eine kreischende Stimme haben oder eine Vorliebe für Schokoladeneis. Ich könnte ihn nicht mehr ernst nehmen. Meine Liebe ist eine Liebe auf Distanz, sie entsteht mit der Abwesenheit. Und verschwindet mit jedem Moment.
Vor drei Jahren saß ich an einem See in Mecklenburg, auf einer Bank, hatte meinen Pullover richtig herum an. Neben mir ein junger Mann, der ein Halstuch trug, weil er sich nicht erkälten wollte.
Wie siehst du deine Vergangenheit, sagt er. Ich nehme seine Hand und sehe ihm so tief in die Augen wie die Sonne in den See.
Meine ganze Vergangenheit ist gut gewesen, denn sie hat mich zu dem geführt, was jetzt ist, und jetzt bin ich glücklich.
Im Haus merkte ich, dass mein Pullover linksrum war. Ein paar Wochen später hatte er eine Krise, konnte nicht singen, glaubte an nichts mehr und was soll das alles. Ich tröstete ihn, sagte ihm, das gehört dazu, mach weiter und die Krise wird eine Chance.
Noch später macht er weiter und nutzt die nächste Chance mit einem Gesangslehrer. Was erzählst du von Sonne, See und Augen, sagt er.
Ich habe ihn nie wieder gesehen. Vielleicht war meine ganze Vergangenheit schlecht, weil ich mich schlecht fühlte. Nein, nein, sagt er immer wieder in meinem Kopf und ich glaube inzwischen schon, dass er es wirklich sagt, dieser Moment war einzigartig, du darfst ihn nicht verdammen, nicht mir die Schuld geben daran, nicht deinen Gefühlen von damals und nicht meinem Nichtfühlen, denn das ist falsch. Und dass es nicht gepasst hat, das hat nichts mit Vorherbestimmung zu tun, die Zeit ist nicht logisch, nein, ich habe dir nur zugestimmt, weil du glücklich aussahst und für einen Moment glauben wolltest, dass deine Vergangenheit sinnvoll war. War sie nicht, und deshalb waren wir wirklich.
Ich lese Rimbaud das erste Mal, ohne etwas zu verstehen. Jetzt bin ich nicht glücklicher, nicht weiser, nur älter.
Benutze mich!
19. März 2009
Die Sprache ist eine dumme Sau. Sobald ich etwas benenne, ist es weg. Meine Identität ist mein Tod. Ich lege mich fest, ich lege mir Fesseln an. Und jeder kann sein Eigenes in mir für sich abtöten, mich als den Anderen sehen, dem man kein Mitleid zeigen muss, weil kein Mit da ist, das verbindet.
Letztens habe ich bei einem interessanten Autor etwas gelesen wie: Seine eigene Intimwahrheit suchen, wer man ist, die eigene sexuelle, soziale Identität, das eigene Geschlecht, die eigene Rolle, heißt gehorchen. Das heißt, ich stehe unter der Dusche, denke an nackte Männerkörper um meinen Körper, in meinem Körper und statt es sein zu lassen, wie es ist, mit Männern Sex zu haben, wie ich es möchte, suche ich nach einer Erklärung. Was hat dieses Bedürfnis zu bedeuten für mich? Da ich schon die Begriffe der Gesellschaft kenne, stelle ich mir die Frage: Bin ich schwul?
Und die Frage beeinflusst die Antwort natürlich. Ja, ich bin schwul. Denn Schwulsein heißt mit Männern Sex haben wollen. Das ist praktisch, weil man dem Begriff Schwulsein noch einige Zutaten beifügen kann, sogar so weit gehen, dass man von einer Gemeinde spricht. Ich habe ein Attribut gefunden, es reicht mir nicht, also suche ich nach weiteren Merkmalen, mit der ich meine Identität anreichern kann. Das Wort schwul ist so reich an Nebenbedeutungen, dass ich ausschließlich schwul sein kann.
Und das ist auch gut so. Nicht für mich, nein, meine Individualität geht in meiner Identität unter, aber für die Gesellschaft, die meine Identität ohne Widerstand in ihr Funktionieren integrieren kann. Benutze mich, denn meine sexuelle Identität zwingt mich zum Konsum.
Nun kommt die große Identitätsgefährdung. Meine Uniform wird beschmutzt, ich fürchte mich. Meine Gemeinschaft mit Schwulen ist gefährdet durch MSM, Männer, die Sex mit Männern haben. Sie sollen zu mir gehören, meinen Namen annehmen, sich mit mir vereinigen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. MSM, die den Begriff des Schwulseins ablehnen, sind der Andere, den ich nicht verstehen kann, der nichts von mir in sich hat, den ich moralisch verurteilen kann. Denn sie tun nichts für uns gute, aufrechte, ehrliche, liebende Schwule. Sie lehnen skandalöserweise sogar die Homoehe ab, weil sie damit nichts anfangen können, weil sie Sex mit Männern haben, sie nicht heiraten wollen, nicht einmal lieben. Welch eine verdorbene Identität man sich da zusammensucht. Lasst sie boykottieren (denn ohne uns Schwule können Männer, die Sex mit Männern haben, ja keinen Sex haben, oder?), auf dass sie zu ihrer uneingeschränkten Zugehörigkeit zu einer Gruppe in unserer schwarz-weiß-getünchten Welt stehen.
Dass was uns verbindet, als Aggression gewertet wird.
Zwiegespräch
18. März 2009
Montag. Direkter Kontakt. Ich zu ihm: Darf ich. Unterricht, neben ihm, er liest meine Aufzeichnungen. (Etwas in der Art: lu. dir kont. I -> er: darf I. unterr, || er, er liest my aufzG.)
Montag, nach dem Unterricht.
Bist du morgen auch da?
- Ja.
Gut, ich kann leider nicht.
(Ich habe Kopfschmerzen.)
Kann ich deine Mitschriften haben?
- Ich habe aber auch nicht alles.
Macht nichts, besser als nichts.
- Und ich habe bestimmt viele Fehler gemacht beim Schreiben. Und meine Schrift…
Ach was! Du hast eine schöne Schrift.
(Ich lache schief. Er lächelt.)
Ich geb dir mal meine Nummer, dann können wir uns treffen, zum Kopieren.
Wie heißt du?
Ach, du kommst nicht aus Frankreich?
Donnerstag.
Ich rufe Renato an: Fahre jetzt in die Stadt, wenn du Zeit hast, bring ich dir die Mitschriften mit.
Ja, wir treffen uns an deiner Fakultät, um drei.
Donnerstag. Direkter Kontakt.
Ich sag dir mal, welche Tage ich brauche.
Gut, gehen wir also in den Kopiershop.
Welche Kurse hast du im nächsten Zyklus?
Dann haben wir ja gar nichts gemeinsam…
Aber Rimbaud habe ich auch gelesen, damals, sehr interessant … und faszinierend.
Lass uns mal auf einen Kaffee treffen oder so was.
Dienstag.
SMS an Renato: Morgen bin ich den ganzen Tag in der Bibliothek. Wenn du Lust hast, mich mit einer Kaffeepause abzulenken, nur zu.
SMS von Renato: Morgen streikt die Bibliothek. Aber wir können nach meinem Kurs Mittag essen gehen.
SMS an Renato: Danke. Ja, wir essen Mittag. Wo treffen wir uns?
Mittwoch.
SMS an Renato: Nehme mir meinen Flaubert und fahre in die Stadt. Bist du auch da?
SMS von Renato: Nein, ich bin zu Hause geblieben, weil die Busse auch streiken.
Ich sitze im Bus, mir scheint die Sonne ins Gesicht.
Ich sitze in der Bibliothek, ich lese Flaubert. Gestalten nähern sich dem Tisch. Drei Gestalten mit schwarzen Kapuzenpullovern, die mit gefalteten Händen links und rechts von mir sowie gegenüber Platz nehmen. Sie schlagen ihre Kapuzen zurück: vor mir jetzt eine junge Frau mit roter Brille.
Da sind wir wieder, sagt sie. Hast du dich entschieden?
Links von mir ein Mondgesicht mit Bartstoppeln um die Gesichtswarzen. Bist du nicht für die internationale Vereinigung aller Arbeiter?
Rechts von mir ein dicker Mann mit immer rotem Gesicht: Was heißt hier nein?
Womit bist du denn nicht einverstanden, sagt die Brille.
Und kaufst du uns wenigstens eine Zeitung ab, sagt der Mond.
Lass, dann wird es wohl ein anderes Mal, sagt der Rote und klopft sich mit der Handfläche auf den Bauch.
Sie legen die Kapuzen an, falten die Hände und gehen wieder.
Ich bin überzeugt, habe ich gesagt. Nicht in diesen Worten, aber so musste es rüberkommen und das wusste ich. Ich konnte nur nicht anders, mir fehlten die Worte, ich war auf der Schwelle zu meiner jetzt glücklichen Resignation.
Der gekalkte Konferenzraum, eine erhöhte Bühne, Pulte vor einem roten Brett mit Marx-Engels-Lenin von links nach rechts. Dazu ein Schriftzug aus dem Manifest. Der Redner ist alt, spielt mit seiner Brille, nach jedem Satz lacht er kassandrisch, in der Hoffnung, so das Gefühl von Empörung über die Blinden und Tauben in der bürgerlichen Gesellschaft zu wecken. Er ist logisch. Ein Baustein baut auf den nächsten auf. Protektionismus führt zu Krieg, die Proletarier sind in der Mehrheit und werden unterdrückt, größtenteils ohne es zu merken. Im Publikum kamen Fragen auf, die erst mit einem Augenrollen, dann mit einer harschen Antwort quittiert wurden.
Die Alternative, dass sich das System von alleine verändern kann, wurde heftig abgelehnt, eine Revolution implizit als entweder utopisch oder kriegsfördernd gewertet. Wozu das alles also.
Lukács spricht vom schlechten Bewusstsein der Bourgeoisie, sich als Vertreter des gesamten Volkes zu sehen. Daraus folgt die Dekadenz der bürgerlichen Moral. Die nehme ich an, obwohl ich aus Marx’ Sicht anscheinend gar kein Bourgeois bin (besitze keine Produktionsmittel und mit einem geisteswissenschaftlichen Studienabschluss lande ich wahrscheinlich eh im parasitären, unproduktiven Sektor des Kulturbetriebs). Das war der Beginn einer Krise, das Ende eines Versuchs von Sinngebung.
Sénécal, der alte Redner, fragte, ob ich Kritik und Zweifel hätte. Ich kannte Flaubert noch nicht und wusste nicht, wie antworten. Ich hatte nur mein Kribbeln im Bauch und sagte, nein, ich verkaufe für euch keine Zeitungen. Versteh ich nicht, sagte Sénécal, der Theoretiker, der sich nur für die Massen interessierte und für das Individuum mitleidlos war [1]. Was mir nicht gefiel, aber nur subjektiv, und was zählt schon meine kleine Person, waren Sätze wie: Nur weil du denkst, du bist eine Frau, bist du noch längst keine, oder: Die Wahrheit ist nicht demokratisch. Wenn es eine (!) Wahrheit gibt (was ziemlich armselig wäre), kann sie es auch nicht sein. Soll ich ihm, dem großen Logiker, mit meiner mickrigen Befindlichkeit kommen? Demokratie ist schließlich kein zügelloser Individualismus [2].
Anschließend kämpfe ich ungefähr einen Monat mit dem Engel und habe mich von ihm abgesetzt.
Ein Nigerianer spricht mich auf der Straße an. Mathew mit th, erinnerst du dich? Watch out what you read, zeigt auf meinen Kopf, you are very intelligent, streicht mir über die Wange, sein Blick in meinen verhakt. Traurigkeit, how was your weekend. Ich kaufe ihm keine Taschentücher ab, Mathew wendet sich ab, kalt.
Es ist ja Frühling. Resigniert, aber sexy. Die Bibliothek alt und ungemütlich. Schräg gegenüber setzt sich jemand, der mich aus der Fassung bringt. Flaubert wird beiseite gelegt. Es ist nicht warm, obwohl die Sonne durch die Fenster scheint. Schräg gegenüber sitzt jemand, den ich flüchtig beim Warten auf die Deutschprüfung mehr gesehen als kennen gelernt habe. Er trägt ein enges T-Shirt. Mit französischem Aufdruck, glaube ich, aber seine Arme waren interessanter, wie lange schon keine solchen Arme gesehen, weiß und mit weichem Flaum.
Die Gestalten sind wie ein düsterer Traum verflogen, ein vollkommen unlogischer Auftritt, ein deus ex machina, wenn mein Leben der Phantasie eines Flaubert entsprungen wäre. (Aber das ist sie nicht, das merkt man an den vielen Wortwiederholungen in diesem Text.) Hat er mich angeguckt? Gelächelt vielleicht. Ich fühle den Pullover schwer auf meiner Haut. Mir ist heiß. Er lernt unregelmäßige Verben, ein Deutschstudent. Tandems kann man ja immer gebrauchen.
Lena sagt, dass drei Sekunden Blickkontakt bei Schwulen reichen (sie hat eine Doku gesehen), um beieinander zu landen. Hier muss noch ein Gespräch her. Wirklich, du kommst aus Deutschland? Das ist vielleicht ein Zufall! Wollen wir uns bei Facebook adden? Ich bin nicht bei Facebook, sage ich. Dann eben nicht platonisch. Die Klos in der Uni sind dreckig. Nun ja.
[1] Gustave Flaubert, L’Éducation sentimentale, Le livre de poche, coll. classique, Paris, 2002, S. 306-307 : « Homme de théories, il ne / considérait que les masses et se montrait impitoyable pour les individus. »
[2] Ebd., S. 307-308 : « La Démocratie n’est pas le dévergondage de l’individualisme. »
Small Talk
15. März 2009
Lena ist kalt. Sie hat sich in zwei Decken gehüllt und schmiegt sich an mich auf dem geräumigen und weichen Bett. Wir sehen Total Eclipse.
In dem Moment wäre ich gegangen, sagt Lena, als Verlaine seine schwangere Frau schlägt. Dass der Rimbaud so ungezogen war, das wusste ich gar nicht, und ein bisschen brutal waren die beiden ja auch. Lena muss immer an diesen Film denken, von nun an, wenn sie Rimbaud liest.
Aber das wird aufhören. Und Lena bleibt, wie sie ist. Der zehnjährige Neffe wird gefragt, ob er schon eine Freundin hat. Kopfschüttelnd ist es wohl grad eine Mode, dass man lesbisch wird, weil ein Gerücht über Bekannte kursiert. Lena will Mutter sein und Ehefrau, wünscht sich in eine fiktive Zeit zurück, in der die Frauen nichts tun mussten als Tee servieren, und ihre Hochzeit soll prächtig sein.
Natürlich weiß Lena, dass die Welt nicht so ist, wie sie es sich erträumt. Aber was alle glauben, ist richtig, denn es war ja schon immer so und ist wissenschaftlich gesehen das einzig Sinnvolle. Mein Biologielehrer sagte, der Sinn des Lebens sei die Reproduktion.
Ohne Sinn und Verstand. In Verlaine brodelt Lava (das Bild ist von Quignard) und durch seinen Kamin ziehen Vögel (dieses von Hitchcock). Die Oberfläche wird von oben und unten angegriffen, die logischen Knochen und die rationale Haut brechen auseinander. Und Verlaine schlägt die Frau, schleudert das Kinderbett und schießt in Rimbauds Hand. Kurz: der Böse.
Wieso war er nicht ruhig und ehrlich? Wir sind doch vernünftige Menschen. Lass uns drüber reden, dann werden alle Probleme gelöst. Wenn du beichtest, geht es dir besser. Wenn du deine Träume erzählst, wird alles wieder gut, kein Problem, kann ja mal passieren.
Reden. Ein Abend mit alten Bekannten, weniger bekannt und auch nicht sonderlich alt, aber immerhin hat man sich eine Zeitlang nicht gesehen. Sag mal, Rotzi (es gibt schlimmere Spitznamen, und auf Italienisch klingt es sogar fast würdevoll), du kommst doch aus Berlin. Als Berliner, also, was kannst du denn empfehlen, was muss man sehen in dieser Stadt? Ein interessantes Gespräch bahnt sich an. Herkunft, Studium, Wetter, Kulturen und Bräuche werden abgearbeitet. Dann ist das weiße Plastikglas leer und man kann wieder in die Küche, um Wein einzufüllen, bei der Rückkehr ein neuer Gesprächspartner.
Eine Hitze ist das hier, eine stickige Luft. Das Fenster wird aufgemacht. Es zieht aber ganz schön.
Warum nicht eine Konversation über wichtige Dinge führen? Lena nickt, denn sich über die banalen Gesprächsthemen zu beschweren, gehört zum gewöhnlichen Gesprächsinhalt. Zum Beispiel über den Tod? Stell dir vor, wir begegnen einer Person zum ersten Mal und sagen ihr, dass unser Arzt eine unsichere Diagnose gestellt hat. Unser Tumor in Hals und Lunge könnte in jedem Augenblick zum sofortigen Tod führen.
Wirklich, antwortete dann wohl die Person, bei mir ist das Immunsystem ein wenig defekt. Aber ein paar Tage leb ich bestimmt noch.
Aber Rotzi, sagt Lena und lacht, du hast vielleicht eine schräge Phantasie. Und worüber sollten sie dann überhaupt noch reden? Lena hat Recht.
Stolz und Vorurteil
14. März 2009
Jemand steht auf und räuspert sich. Der Sessel weich und tief und schwarz. Die Bequemlichkeit gibt jemand auf und steht jetzt und hält einen kleinen Zettel vor sich mit Notizen, die kurz nach dem Aufwachen zusammengeschrieben wurden und perspektivlos aneinandergereiht. Daraus Sinn machen, sagt jemand. Mit glühendem Finger Hauptideen, Nebenideen unterstreichen, Hierarchien aufstellen, damit die Leute dich verstehen.
So machen es auch die anderen, die einwirken auf jemanden, der jetzt einen Namen bekommen könnte, vorerst aber Er ist. Räuspert sich noch einmal, um die letzten Lesefaulen abzuschütteln, und erinnert an die um sich greifende Verseuchung der Gehirne mit nachgeplapperten Meinungen wie: In der Szene sind die Schwulen oberflächlich und promisk. Und einmal angenommen, er hat diesen Satz von einem Schwulen selbst gehört, von einem Mitschwulen, wenn man so will, auch wenn eine Verbrüderung hier ausgeschlossen scheint, ist doch die Absage an die Szene auch in gewisser Hinsicht eine Distanzierung, in der besten Formulierung eine Befreiung, von den Gemeinsamkeiten des anderen zu ihm.
Nachgeplappert. Aus den blauen Seiten (dem unerschöpflichen Archiv des bedeutungslosen Satzes) o.ä. kopiert. Mit dem Wunsch verbunden, eine monogame Beziehung zu führen, die im Partnertauschspiel der Szeneveranstaltungen keinen Platz findet. Da dieses von der Gemeinde ach so enttäuschte Schäfchen, beliebt ist noch das Argument der einzigen Erfahrung und sofortigen Abscheu oder der Beziehung, die dem Konkurrenzdruck nicht standhielt, oben zitiertes Sätzchen gerne gegenüber seinen Gabis und Nancys äußert, wird unser schwarzes Schaf zum Autoritätsargument, auch der Christoph hat gesagt, dass alle mit allen poppen, und der muss es ja wissen, der kennt das ja.
Und das Leiden des Einzelnen unter dem Ruf der Allgemeinheit ist leider zu wenig sexy, um in den Erzählungen an Dritte und Vierte noch erwähnt zu werden. Der ohnehin schon klischeehafte Satz wird noch platter und stumpfer, wird zum reinen Vorurteil mit Tendenz zur Abschätzigkeit von Seiten unseres heterosexuellen Publikums der gesellschaftlichen Richtigkeit und Notwendigkeit.
Abgesehen von diesem Detail. Befreit von der Junta des unvernünftigen Geschlechtsverkehrs (ohne Sinn, ohne Zeugung, ohne Erzeugung von emotionaler Partnerschaft), ist nun der Weg frei zur konventionellen Partnerschaft, zur Paarbildung. Was wäre gewonnen? Austausch eines vermeintlichen Modells durch ein anderes. Wer sein Leben nicht selbst gestaltet, kann sich von Vorgefertigtem nicht lösen. Jemand, also er, also ich – Michael Rotz, guten Tag – fühle mich schnell überall fremd. Ich fremde mich in jede Umgebung mit Leichtigkeit ein. Eine ursprüngliche Einsamkeit, damals im Uterus. Vielleicht keine ausreichende Erklärung, sich in Gesellschaft mit Menschen unwohl zu fühlen, aber der Versuch eines anderen Weges. Alles verneinen, um alles zu bejahen. Ich fühle mich in der Szene unwohl und in der zweisamen Partnerschaft beengt.
In der Steppe streunen ist eine Variante, die einfache, die andere ist eine neue Gemeinschaft, in der der Fremde gar nicht die Gelegenheit hat fremd zu sein, die utopische.
In meinem letzten Urlaub in Berlin, war ich am 4. März auf der Trashparty im Schwuz. Wie die englischen Touristenmädchen fühlte ich mich als ein Ausländer auf einer dieser verrückten deutschen Schwulenpartys, für die Berlin so berühmt und beliebt ist, geradezu zum Prototypen europäischer Laszivität erhoben wird, neben Amsterdam, so sagt man mir in Italien. Und das Weltfremde, Abgehobene, Unmodische schafft einen so vollkommenen Eindruck von Freiheit, dass ich mit einer kleinen, korpulenten Frau tanze, die mir einen bunten Hut aufsetzt. Körper sind ehrlicher als Worte. Sie sagt mir, Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das Sprichwort ist der Inhalt unserer gesamten Konversation und zeigt, um den Kreis zu schließen, dass ein freigestellter Satz keine Hintergründe preisgibt, alles andere als eine Meinungsbekundung ist und bei Christoph so, bei Gabi und Nancy anders und bei deren Freunden wieder anders verstanden wird.